Ein schwieriger Winter setzt dem erfolgsverwöhnten EV Zug zu – die Kritik am Trainer Michael Liniger greift zu kurz
Noch immer hat der EV Zug 2026 kein Spiel gewonnen. Die Baisse steht diametral zu den hochtrabenden Erwartungen, die der Klub teilweise selbst geschürt hat. Die Probleme sind vielschichtiger Natur.
Nicola Berger
12.01.2026, 05.30 Uhr
4 min
Wieder schlägt es im Zuger Tor ein: Der EVZ hat 2026 noch keine Partie gewonnen.
Peter Klaunzer / Keystone
Es ist lange her, dass der EV Zug eine Qualifikationsphase mit mehr Niederlagen als Siegen beendet hat. 2013/14 war das, in der Abschiedssaison des kanadischen Feuerkopfs Doug Shedden. Seither hat der EVZ die Play-offs nie mehr aus einer schlechteren Position als Platz 6 in Angriff genommen. In zehn von elf Jahren schaffte es der Klub in die Top vier.
Hinter dem EVZ liegt eine sehr erfolgreiche Dekade. Sie gipfelte in zwei Meistertiteln, und das Publikum, das Umfeld und die Organisation haben sich daran gewöhnt, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Es ist nicht zuletzt diese Erfolgsvertrautheit, die einen Teil des EVZ-Kosmos in diesen Tagen glauben lässt, dass sportlich gerade die Welt untergeht. Nach 18 Siegen und 20 Niederlagen liegt Zug auf Platz 8, das Team hat 2026 noch keine Partie gewonnen. Trotzdem fehlen für die direkte Play-off-Qualifikation nur fünf Punkte.
Es gibt Teile der Fanbasis, die gerade alles kritisieren. Dass der EVZ ein starkes
Frauenteamaufgebaut hat. Dass im Februar ein neues Logo präsentiert werden wird. Es wird suggeriert, dass der Chefetage alles andere wichtiger geworden sei als das Flaggschiff, die erste Mannschaft. Es ist Unsinn, aber so ist das im Sport: Jeder emotionale Blitzableiter ist willkommen.
Der Trainer Liniger hospitierte im Operationssaal und im Flugzeugcockpit
Bei den Personen zentriert sich der Zorn auf den Trainer Michael Liniger. Liniger, 46, hat im Sommer
die Nachfolge des zweifachen Meistertrainers Dan Tangnesangetreten – zuvor hatte er als dessen Assistent gewirkt. Liniger ist eine kluge, zurückhaltende Person, die sich gewissenhaft auf diese Aufgabe vorbereitet hat. Im Sommer hospitierte er in einem Operationssaal bei Eingriffen eines befreundeten Chirurgen und flog in einem Cockpit mit. Er wollte ergründen, wie Menschen in anderen Berufsfeldern mit Drucksituationen umgehen. Wie sie sicherstellen, im entscheidenden Moment bereit zu sein.
Liniger steht für einen Führungsstil, der darüber hinausgeht, in der Kabine im Misserfolg zornig das Mobiliar zu zertrümmern. Oder an der Bande medienwirksam den Hampelmann zu spielen nach dem Vorbild von Fussballtrainern wie
Mattia Croci-Torti in Lugano oder
Peter Zeidler in Lausanne. In diesen Tagen wird ihm das in manchen Kreisen als Passivität ausgelegt. Diese übertrage sich auf die Mannschaft.
Es ist eine gar steile These, aber die Stunde des Misserfolgs ist die Zeit für einfache Antworten. Linigers Team gibt seit längerem Rätsel auf, es hat eine Reihe von denkwürdigen Auftritten abgeliefert, zuletzt unter anderem ein 0:7 bei Lausanne, ein 0:4 in Ambri und ein grotesk schwaches letztes Drittel beim 2:3 nach Verlängerung gegen Gottéron. 3:25 lautete das Schussverhältnis – obwohl Zug vier Minuten in Überzahl agieren konnte. Abende wie dieser haben die Geduld rund um den Verein strapaziert; auch die Lokalzeitung hat den Coach inzwischen angezählt, sie titelte vergangene Woche «Jetzt geht es um Linigers Job».
Liniger hat einen Vertrag bis 2027, und der EVZ hat seit Shedden 2014 nie mehr einen Coach während der Saison entlassen. Es entspricht nicht dem Stil der Führung um den schwerreichen Präsidenten Hans-Peter Strebel. Und es fragt sich auch, was das eigentlich bewirken sollte; Zug erweckt nicht den Eindruck, ein Trainerproblem zu haben. Die Schwierigkeiten sind tiefer gelagert. Die Absenz der Langzeitverletzten Lukas Bengtsson, Lino Martschini und Raphael Diaz würde jedem NL-Team zu schaffen machen – auf den Meister ZSC Lions gemünzt ist es ungefähr das Äquivalent, dauerhaft ohne Sven Andrighetto, Mikko Lehtonen und Yannick Weber kutschieren zu müssen.
Der Captain Jan Kovar ist nur noch ein Schatten seiner selbst an besten Tagen
Bei numerischem Gleichstand agiert der EVZ derzeit enorm harmlos, es fehlt an fast allem: Automatismen, Spielfreude, Kreativität. Und das, obwohl sich der Verein ein Luxuskader leistet, das im Sommer noch einmal aufgewertet wurde. Mit Dominik Kubalik wurde der Torschützenkönig verpflichtet, mit Tomas Tatar leistete sich Zug eine NHL-Stammkraft. Es sollten Signale des Aufbruchs sein, nachdem der Klub den Sommer über das Büssergewand getragen hatte. Der CEO Patrick Lengwiler publizierte nach dem Out im Play-off-Viertelfinal auf der Klub-Website ein Entschuldigungsinterview mit 17 000 Zeichen.
Um Platz für die namhaften Verstärkungen zu schaffen, verabschiedete der Klub drei Ausländer unter Kostenfolge aus laufenden Verträgen heraus. Dafür wurden bei den Schweizern die Nationalspieler Dario Simion und Attilio Biasca nicht ersetzt. In der Quersumme ist das bestenfalls ein Nullsummenspiel. Vor allem aber stellt sich die Frage, ob der EVZ sich anstatt vom schwedischen Trio nicht besser von
Jan Kovarverabschiedet hätte.
Der Vertrag mit dem bald 36-jährigen tschechischen Center ist im Dezember 2024 bis 2027 verlängert worden, aber Kovar ist derzeit Lichtjahre vom Rendement seiner besten Tage entfernt. In den Meisterjahren war er der überragende Dirigent und Antreiber der ersten Linie. Kovar ist der Captain dieses Teams, menschlich ist er weitherum geschätzt, kder neue Zweijahresvertrag war nicht zuletzt eine Form der Anerkennung des Klubs für seine Verdienste der letzten Jahre.
Doch das Alter, Verletzungen und persönliche Probleme haben ihn um den Furor von einst gebracht, er hat kaum noch Einfluss auf die Spiele. Vielleicht ist das Michael Linigers grösste Aufgabe: den alternden Taktgeber wieder in die Spur zu bringen. Gelingt das nicht, könnte es in Zug ein so kurzer Frühling werden, dass die nächsten umfassenden Renovationsarbeiten in der Organisation unabdingbar werden.