Vor Wochen war er beim EVZ noch kein Thema – mit Überraschungsmann Lauri Marjamäki soll die Rückkehr zu stabileren Zeiten gelingen
Von Lauri Marjamäki, 48, erhofft sich der EV Zug das Ende der Schaffenskrise. Die sportliche Führung erklärt, weshalb die Trainerwahl auf ihn gefallen ist.
Die Meldung drang am Donnerstag um 9 Uhr an die Öffentlichkeit. Der Inhalt: Lauri Marjamäki wird Trainer des EV Zug. Ein Name, den man so nicht auf dem Radar hatte und fast alle überraschte. Denn der Finne war vertraglich noch eine weitere Saison an den EHC Kloten gebunden, weshalb er gar nicht auf dem Markt war. Dazu später mehr.
Die EVZ-Spieler wurden eine Stunde zuvor informiert. Der 48-Jährige befindet sich derzeit in seiner Heimat. Ein erstes persönliches Kennenlernen mit der Mannschaft gibt es nächste Woche. Diese befindet sich seit ein paar Tagen in der ersten Vorbereitungsphase auf nächste Saison.
Coach seit dem 17. Lebensjahr
Wer ist Lauri Marjamäki, der einen Vertrag über zwei Jahre bis 2028 unterschrieben hat und die Nachfolge von Benoît Groulx antritt? Ein Blick auf seine sportliche Vita zeigt: Er kann nicht auf eine illustre Spielerkarriere zurückblicken. Marjamäki hat nie auf Profistufe gespielt. Dafür ging er seinen Weg in der Trainerkarriere von der Pike auf – und machte Schritt für Schritt.
Er coachte bereits mit 17 Jahren, als 34-Jähriger amtete er erstmals als Headcoach einer ersten Mannschaft. Erfahrung mit jungen Spielern hat Marjamäki reichlich gesammelt. Während acht Jahren arbeitete er als Cheftrainer im Juniorenbereich. Durch den Gewinn der finnischen Meisterschaft mit Kärpät aus Oulu (2014 und 2015) weckte er Begehrlichkeiten. Auch wegen seines erfolgreichen Wirkens wurde er ins Amt des finnischen Nationaltrainers gehievt (2016 bis 2018).
Seine erste Trainerstation ausserhalb Finnlands wurde 2024 der EHC Kloten. Anlaufzeit benötigte er keine: Nach sieben Spielen stand Kloten sensationell an der Spitze. Es war zwar nur eine Momentaufnahme, aber die beständigen Leistungen haben ligaweit imponiert. Mit dem Fokus auf Disziplin brachte Marjamäki die Zürcher Unterländer in den Playoff-Viertelfinal. Diese Pace in seinem zweiten Jahr aufrechtzuerhalten, war auch aufgrund der bescheidenen Mittel ein Ding der Unmöglichkeit. Der 12. Platz lag im Rahmen der Erwartungen.
Beim EVZ weiss man, was Marjamäki in Kloten geleistet hat. Selbstredend sind die Ambitionen in Zug ganz andere. Der neue Mann soll dafür sorgen, dass die Leistungskurve nach einer enttäuschenden Saison wieder nach oben zeigt. Der EVZ verspricht sich von Marjamäki viel. Sportchef Reto Kläy sagt: «Er hat uns mit seinen Vorstellungen überzeugt. Er verfügt über internationale Erfahrung, eine klare Spielidee und eine ebenso klare Herangehensweise in der täglichen Arbeit.» Kläy, der die «kommunikative und offene Art» hervorstreicht, spricht von der Fähigkeit Marjamäkis, Spieler für ein gemeinschaftliches Ziel zu inspirieren. Kläy: «Lauri steht für strukturiertes, aber ebenso intensives, leidenschaftliches Hockey. Es ist das, was wir benötigen.»
Marjamäki ist sich im Klaren, welch grosse Herausforderungen ihn erwarten. Im Communiqué lässt er sich unter anderem so zitieren: «Wir haben viel Arbeit vor uns.» Marjamäki soll einerseits das Team aus der Schaffenskrise führen und ihm die dringend benötigte Stabilität und Konstanz verleihen. Andererseits soll der in Gang gesetzte Umbruch und Verjüngungsprozess vorangetrieben werden.
Liniger kann von der Gehaltsliste gestrichen werden
Vom «Wunschkandidaten» Marjamäki zu sprechen, wäre allerdings vermessen. Denn vor mehreren Wochen hatte Kläy den Namen gar noch nicht auf dem Zettel. Erst als ihm zugetragen wurde, dass Marjamäki Wechselgedanken hege, wurde er auf ihn aufmerksam. Auch Headcoaches aus Nordamerika seien im Rennen um den Job gewesen, erläutert Kläy. Eine Absage habe es gegeben. Bei einigen Trainern in Nordamerika seien familiäre Umstände oder eine schwierige Vertragssituation Hindernisse für eine Verpflichtung gewesen.
Den umgekehrten Weg von Marjamäki geht der in Zug geschasste Michael Liniger, der ab sofort in Kloten das Traineramt übernimmt. Dass Liniger Teil des Deals ist, habe sich erst im Verlauf der Gespräche abgezeichnet, habe aber den Prozess erleichtert, heisst es beim EVZ.
Der Zuger CEO Patrick Lengwiler sagt, es habe viel Austausch benötigt, um die Verhandlungen dieser nicht unkomplizierten Viereckbeziehung zwischen Zug, Kloten, Marjamäki und Liniger zu finalisieren. «Wir haben mit Kloten und den beiden Coaches stets transparent kommuniziert. Letztlich ist es ein Benefit für alle Parteien.» Über die finanziellen Details des Trainertauschs wurde Stillschweigen vereinbart. Weil aber Marjamäki noch einen weiterlaufenden Vertrag besass, musste der EV Zug eine Ablösesumme bezahlen. Im Gegenzug gibt es für Zug einen finanziell willkommenen Nebeneffekt: Linigers bis 2027 laufender EVZ-Vertrag wurde aufgelöst, der 46-Jährige steht ab sofort nicht mehr auf der Gehaltsliste.
Den Blick nach vorn gerichtet, meint Lengwiler: «Wir wollen die Mannschaft wieder an die Spitzenteams heranführen.» Lengwiler drückt sich bewusst defensiv aus. Auch weil zuletzt die Spielweise und die Ergebnisse nicht mehr den Erwartungen entsprachen, die der Klub selbst erzeugt hatte. «Wir alle wollen Erfolg haben und unseren Fans Freude bereiten. Wir sind aber nun zweimal in Folge im Viertelfinal ausgeschieden und gehören damit sportlich klar nicht mehr zu den besten Klubs. Das ist Fakt», sagt Lengwiler. «Dass der neue Trainer nicht alle Probleme von heute auf morgen lösen kann, ist uns bewusst.» Der Nordländer soll den EVZ in ruhigere Gewässer lotsen und etwas Nachhaltiges aufbauen. Ob ihm das gelingt, darüber lässt sich erst in Zukunft ein erstes Resümee ziehen.