Aus der ZZ:
Der Rauswurf von Michael Liniger ist unausweichlich – doch er zahlt den Preis für eine schwierige Gemengelage
Die Ära Michael Liniger endet beim EV Zug sehr schnell. Die ohnehin schon grosse Aufgabe wächst dem Trainer über den Kopf, auch weil ihn die Spieler im Stich lassen. Die Probleme sind mit seiner Entlassung nicht gelöst. Eine Analyse.
Das Volk hat bekommen, was es längst gefordert hatte: Michael Liniger ist nicht mehr Trainer des EV Zug. Es ist das gute Recht der Fans, sich um den eigenen Klub Sorgen zu machen. Und diese im Stadion, auf der Strasse oder im Internet zu äussern, weil man die Zügel am liebsten selbst in die Hand nehmen würde. Wer mitleidet, will Genugtuung, wer bezahlt, Gegenleistung – die Sportwelt funktioniert so.
Das EVZ-Management lässt sich nie vom öffentlichen Geschrei beeindrucken. Das ist gut so. Doch die anhaltende Talfahrt zwang zum Handeln. Die Ansprüche des Klubs sind deutlich höher. Linigers Entlassung ist nachvollziehbar, richtig und alternativlos. Alles andere wäre sportlich verantwortungslos gewesen. Nun braucht es dringend wieder positive Emotionen.
Wie konnte es zur Krise kommen? Vom Scheitern Linigers ist die Rede. So falsch liegt nicht, wer diese Meinung vertritt. Weil harte Fakten wie Ergebnistafel (23 von 41 Ligaspielen verloren) und Tabelle (9.) sowie weiche Faktoren wie Widerstandskraft und Teamgeist darauf hinweisen. Stilprägend war Linigers Schaffen nicht. Ihm ist es nie gelungen, die Spieler und das Umfeld für seine Ideen zu begeistern.
Doch so einfach ist es nicht. Vor allem dann nicht, wenn man sieht und hört, wie gewissenhaft und akribisch Liniger für das Wohlergehen des Vereins gearbeitet hat. Er trat sein Amt im Sommer mit grossen Plänen an. Liniger hat viel investiert, um für die Aufgabe bereit zu sein. Er war stets seriös vorbereitet, pflichtbewusst, ein bodenständiger und ehrlicher Schaffer. Und so bescheiden, dass er sogar seinen Vertrag ohne seinen Agent ausgehandelt hatte.
Seine Arbeit stand aber früh unter einem schlechten Stern. Ihm gelang es während eines halben Jahres nicht, dem Team einen stabilen Rahmen zu geben, über längere Zeit auf konstant hohem Niveau zu performen. Es fehlte der Beweis, das Team weiterentwickeln zu können. Spielerische Höhepunkte gab es nur sporadisch. Dass Liniger in Sachen Auftrittskompetenz nicht immer glänzte, ist verständlich und kann ihm nicht angekreidet werden. Das war auch der Tatsache geschuldet, dass er noch nie in seiner Trainerkarriere einem solchen Erfolgsdruck ausgesetzt war. Für Liniger wurde der Gegenwind zum Orkan.
Was die Herausforderung «EVZ-Trainer» in dieser Saison anspruchsvoller denn je machte? Bereits unter Tangnes ging es bergab. Liniger amtete damals als Assistent. Seine Beförderung war deshalb hochriskant. Dass er im Umfeld des Klubs von Anfang an um Anerkennung kämpfen musste, machte die Aufgabe nicht leichter.
Die Spieler emotional abholen, ist Aufgabe des Trainers. Liniger konnte mit seinen Worten nicht mehr zu den Spielern durchdringen. Oder diese wollten sie nicht hören. Anders war seine Reaktion nach der Blamage gegen Ajoie nicht zu erklären. Gewisse Spieler würden an der Realität vorbeileben. Sein Originalton: «Es wird so viel geredet, und dann sind wir nicht fähig, es umzusetzen.» Solche Vorbehalte hatte er bereits schon früher geäussert. Eine Kritik, die tief blicken lässt, und bei der die Chefetage hellhörig werden müsste.
Liniger taugt nicht als Alleinschuldiger. Es waren zu viele Brandherde, die er nicht löschen konnte. Er hat viel probiert - und musste am Ende feststellen, dass auch seine Grenzen irgendwann erreicht sind, auch weil es im Team (zu) grosse Egos hat. Es gibt Anzeichen, dass das Binnenklima frostiger ist, als es gewisse Spieler nach aussen suggerieren. «Fehlender Stolz» und «Lernresistenz» wurden vereinzelt angeprangert. Der EVZ gilt mittlerweile als Schönwetter-Team, das einknickt, wenn es hart auf hart kommt. Die Spieler haben ihren Trainer im Stich lassen – in der Zeit, in der er sie am dringendsten gebraucht hätte.
Das Leistungsprinzip wird stets betont, dieses wurde aber nicht konsequent eingefordert. Das führte dazu, dass es einigen Spielern zu wohl geworden ist. Zu viele Akteure sind aus der Reihe getanzt. Der EVZ schreckte oft davor zurück, ohne Rücksicht auf grosse Namen unbequeme personelle Massnahmen zu treffen.
Dass ein auf dieser Stufe unerfahrener Trainer ein Wagnis ist, war von Anfang an klar. Für diese Fehleinschätzung tragen CEO Patrick Lengwiler und Sportchef Reto Kläy die Verantwortung. Das Absägen von Liniger stellt für sie eine persönliche Niederlage dar. Spätestens jetzt befindet sich Kläy auf dem Schleudersitz, der nächste Versuch muss sitzen.
Es ist notwendig, ohne Scheuklappen die Streitpunkte anzugehen und zu benennen. Welche Spieler sind in der aktuellen Konstellation noch Teil der Lösung und welche Teil des Problems? Aussitzen geht nicht. Wenn nicht erkannt wird, dass auf Spielerebene ein Machtwort gesprochen werden muss, wird auch der neue Trainer scheitern. Benötigt wird ein Krisenmanagement, das die Bezeichnung verdient. Zum Wohl des EVZ – so wie es Liniger wollte