Mission Playoffs statt Zigarre in New York: Wie der EVZ-Trainer das Team aus dem Schlamassel ziehen will
Am Donnerstag um 8.03 Uhr landet die Maschine mit der Nummer UH 134 aus New York in Zürich. Mit an Bord: Benoît Groulx. Der Nachfolger von EVZ-Trainer Michael Liniger wird von Sportchef Reto Kläy am Flughafen abgeholt und direkt ins Trainingszentrum OYM nach Cham chauffiert. Dort spricht er erstmals zu den Spielern. «Er hat eine klare Linie und setzt hohe Standards. Ein starker Kommunikator, aber auch ein Mensch, der für einen kleinen Spass zu haben ist», berichtet Verteidiger Livio Stadler.
Um 12.16 Uhr betritt der 57-Jährige das Eis. Mit Trainingsanzug und Trillerpfeife leitet er die erste Einheit. Auf Englisch gibt er taktische Anweisungen, nimmt Anpassungen vor. Er nimmt sich auch Zeit für individuelle Gespräche mit Spielern wie Jan Kovar oder Tomas Tatar. Nach weniger als einer Stunde ist das Training zu Ende. «Mein erster Eindruck ist positiv. Ich wurde sehr willkommen geheissen», sagt Groulx. Was er besonders geschätzt habe, sei die Offenheit der Spieler. «Sie sind auf mich zugekommen und haben sich für mich interessiert», erzählt der Kanadier, der sich bis anhin erst ein einziges Spiel des EV Zug angesehen hat.
Groulx wirkt ruhig, gelassen und souverän. Er strahlt das Selbstbewusstsein und die Autorität eines Trainers aus, der genau weiss, was er will. Es ist ihm nicht anzumerken, dass er im Flugzeug wenig geschlafen hat. Der Trainer sagt: «Ich bin motiviert. Viele Trainer würden gerne an meiner Stelle stehen.»
Spieler sollen mit einem Lächeln ins Training kommen
Der neue Mann an der EVZ-Bande wurde am späten Dienstagabend nach dem Champions-League-Spiel in Lulea von Kläy informiert, dass die Wahl auf ihn gefallen sei. «Ich habe keine Sekunde gezögert», so Groulx, der einen Vertrag bis Ende Saison unterschrieben hat. Im Stadtteil Queens in New York zu Hause, sei er in der glücklichen und privilegierten Situation, dass seine Freundin immer hinter seinen Entscheidungen stehe. Denn: «Coaching ist mein Leben.» Dem EVZ kommt der Zufall zu Hilfe, dass der Kanadier auch den französischen Pass besitzt. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte es einige Tage gedauert, bis die Arbeitsbewilligung eingetroffen wäre. Der EV Zug hätte zunächst auf eine Interimslösung setzen müssen.
Auch mit Trainern wie Christian Dubé oder Luca Cereda, die das Schweizer Eishockey kennen, hat sich Kläy kurz befasst. Aber: «Durch die Gespräche mit Benoît habe ich gespürt, dass er am besten ins Profil passt. Manchmal ist es ganz gut, wenn eine unvoreingenommene Person für frischen Wind sorgt. Eine nordamerikanische Stimme ist das, was wir jetzt brauchen», erläutert Kläy.
In Zug begegnet Groulx nur wenigen Spielern, deren Namen ihm geläufig sind. Witzige Anekdote am Rande: Er hat schon viel über den Schweizer Nationalgoalie Leonardo Genoni gehört, aber er wusste nicht, dass dieser in Zug unter Vertrag steht. Groulx: «Zwei Freunde haben mir geschrieben und gesagt: ‹Bei dir spielt übrigens der beste Goalie in der Schweiz.›»
Groulx sorgt mit Sprüchen für eine entspannte Atmosphäre. Erst einmal gilt es, das neue Umfeld kennenzulernen. «Ich möchte herausfinden, wie ich den Spielern helfen kann.» Er streicht das Familiäre hervor, das ihm wichtig sei, den Zusammenhalt, der über allem stehe. «Ich möchte, dass die Spieler jeden Tag mit einem Lächeln ins Training kommen, dass sie Positivität ausstrahlen. Ich will ihnen Freude vermitteln. Man soll ihnen ansehen, dass sie Spass haben bei der Arbeit.»
Es sei ein spezielles Gefühl, erzählt Stürmer Sven Senteler, dass von heute auf morgen ein anderer Trainer in der Garderobe stehe. «Für uns Zuger ist das ungewohnt. Bei anderen Klubs sieht das etwas anders aus», sagt Senteler und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. So hat beispielsweise der SC Bern in knapp sieben Jahren bereits acht Trainer «verbraucht». Senteler findet: «Es herrscht eine Mischung aus Freude und Nervosität. Alle wollen dem Trainer zeigen, was sie können.»
Wird nun alles gut beim EV Zug? Der erste Arbeitstag weckt bei den Spielern jedenfalls Hoffnung. Groulx sagt, er möchte nah am Puls des Teams sein. «Lockerheit muss da sein. Aber sie wissen auch genau, wo ich die Leitplanken setze und was ich unter Disziplin verstehe.» Welche Ziele hat er? «Die Playoffs erreichen, dann schauen wir weiter.» Wie er das anpacken will? «Es braucht eine gesunde Balance zwischen Defensive und Offensive.»
Am Freitag steht für den EV Zug in Kloten das nächste Spiel an. Was Groulx machen würde, hätte er den Job in Zug nicht angenommen? «Ich wäre wohl mit meiner Freundin Abendessen gegangen. Und wenn ich Lust bekommen hätte, hätte ich mir eine grosse Zigarre gegönnt», sagt Groulx und lächelt. Doch nun heisst es: Hockey statt Zigarre. Die Mission Playoff-Qualifikation hat begonnen.