«Ich würde Genoni jedem Goalie der Welt vorziehen»
Der ehemalige EVZ-Coach Doug Shedden wirkt inzwischen in Bozen. Eine Visite beim vielleicht unterhaltsamsten Coach der Zuger Klubgeschichte.
«Alles hat hier schon mehr Kraft und Leben (...) und man glaubt wieder einmal an einen Gott», schrieb Johann Wolfgang von Goethe, als er 1786 Südtirol erreichte. Eine religiöse Erfahrung ist ein Besuch in Bozen im Frühjahr 2026 nicht. Aber den Glauben an das Gute verstärkt die Visite schon. 75 Cent will der gute Mann im aus der Zeit gefallenen Imbiss direkt neben dem Stadion für ein Glas Weisswein.Und als am Samstagnachmittag 81 Jahre nach dem Tod des Massenmörders Benito Mussolini Neofaschisten durch die Stadt ziehen, stellt sich ihnen eine zahlenmässig zehnfach überlegene
Gegendemonstration entgegen.Doug Shedden bekommt davon nichts mit, er rauscht im Car nach Feldkirch zum nächsten Auswärtsspiel. Aber ein paar Stunden zuvor empfängt der ehemalige Trainer des EV Zug im Bistro der «Sparkasse-Arena»; es gibt kühle Getränke und aufgeräumte Stimmung. Shedden, 64, ist seit Dezember Coach der «HCB Südtirol Alperia», einem Klub mit reicher Tradition und allerlei Verbindungen zum Schweizer Eishockey. Geführt wird er von Dr.Dieter Knoll, einem streitbaren Lokalfürsten, 73-jährig, der nicht nur Besitzer, sondern auch Manager ist.Bis 2025 hiess der Trainer Glen Hanlon, der vor Patrick Fischer rätselhafterweise Schweizer Nationaltrainer war. John Slettvoll, Doug Masen und Riccardo Fuhrer coachten hier. Es stürmten Gaetano Orlando, Bruno Zarrillo und während dem Lockout 1994/95 sogar Jaromir Jagr, damals noch im italienischen Championnat. Erst seit 2013 spielt Bozen in der multinationalen ICE Liga und misst sich mit Vertretern aus Österreich, Slowenien und Ungarn.
Shedden ist hier gelandet, nachdem sein letzter Arbeitgeber Vaasan Sport sich nach den umfassenden Reformen im finnischen Eishockey entschied, praktisch alle Schlüsselspieler aus Kostengründen abzugeben, weil das Team in diesem Winter nicht absteigen kann, Shedden hätte bleiben können, doch auch weil er weiss, dass er sich im Spätherbst der Trainerlauf-bahn befindet, entschied er sich für den fliegenden Wechsel nach Bozen. Den Job hat ihm Pat Curcio verschafft, sein ehemaliger Assistenztrainer in Lugano, der längst als Agent arbeitet.
Sie coachen inzwischen seit
20 Jahren in Europa. Was hält Sie hier?
Doug Shedden: Ich liebe Europal Es sind gute Ligen, schöne Stad-te, die Lebensqualität ist hoch.Eigentlich leben meine Frau und ich in Florida, Marco Island ist so, wie man sich das Paradies vorstellt. Aber wir überlegen uns, hier etwas zu kaufen, In Spanien oder Süditalien zum Beispiel.
Sie werden im April os, Trainer in diesem Alter sind rur geworden . Est das ihr letzter Job?
Ach. Das Alter spielt doch eine untergeordnete Rolle, wenn man den job lebt. Das tue ich immer noch. Aber was ich schen merke: Die Schere wird grösser.Von manchen Spielem trennen mich mehr als 40 Jahres Ich versuche, jeden abzuholen und Gespräche zu führen über das Hockey hinaus gehen Das ist schwieriger geworden. Auch unter den Spielern selbst wird weniger geredet. Jeder hängt am Handy. Wenn die Spieler keine Flasche Bier in der Hand haben, reden sie kein Wort Es ist nicht so einfach,unter diesen Umständen zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenzuwachsen.
Sie galten als emotionaler Coach, der in Zug schon mal das Inventar malträtierte.Sind Sie ruhiger geworden?
Natürlich. Die Zeiten ändern sich, und sie ändern dich. Zu meiner Zeit war klar, dass du spielst, solange du nicht grad lebensbedrohlich verletzt bist. Fieber , Prellungen, Wunden: alles egal. Wenn bei uns einer gesagt hätte: ‹Sorry, ich habe Schnupfen und 38 Grad Fieber, ich kann nicht spielen›, dann wäre er ausgelacht und einfach aufs Eis gezerrt worden. Als ich 1980 in Sault Ste.Marie in der Junioren-Liga OHL spielte, mussten wir Box-Lektionen nehmen, weil es so viele Schlägereien gab. Heute ist die Kultur eine andere. Wenn die Spieler von heute ein Spiel in den 70ern oder 80ern bestreiten müssten, würden die Mehrheit ihre Karriere danach sofort beenden, punkto Härte kann man diese Epochen nicht vergleichen. Man kann heute auch nicht einfach Spieler anschreien, da erreichst Du gar nichts. Als Trainer musst Du fast betteln, damit die Jungs ihre Leistung abrufen. Eigentlich verrückt.
Von 2008 bis 2014 wirkten Sie als Trainer im EV Zug. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Das waren gute Jahre. Wir haben fünfmal in Serie den Halbfinal erreicht. Für die Mannschaft, die wir damals hatten, waren das sehr solide Resultate.Wir hatten wunderbare, spektakuläre Spieler. Glen Metropolit, Damien Brunner und Linus Omark wurden nacheinander Liga-Topskorer. Wer in unserem 1-3-1-System auf dem rechten Flügel spielte, hatte gute Chancen, fleissig zu skoren. Brunner war wahnsinnig gut, aber er hat auch schamlos jeden Abend spekuliert, wie er sich am besten in Szene setzen kann. Ich habe die Zeit in Zug auch abseits des Eishockeys genossen. Josh Holden ist bis heute ein guter Freund von mir. Ich fuhr regelmässig mit dem Velo um den Zugersee und gönnte mir danach in der Bar Eleven ein Bier oder am Ufer einen Aperol Spritz. Was will man mehr? Auch in bester Erinnerung geblieben ist mir der Sieg über die New York Rangers.
Diese Zeitung titelte damals nach diesem rauschhaften 8:4: «Die perfekte Zuger Hockey-Nacht».
Wir hätten mit Strandbällen spielen können und der Rangers-Goalie Martin Biron hätte trotzdem keinen verdammten Schuss gehalten. Der liessSchüsse von der blauen Linie passieren, die ich heute noch halten würde. Aber für uns war es ein schöner Abend.
Torhüterkritik aus ihrem Mund, das vertraut.Gab es in ihrer Trainerlaufbahn eigentlich einmal einen Goalie, mit dem Sie zufrieden waren?
Also bitte. Selbstverständlich.Nehmen wir nur schon Jussi Markkanen in Zug.
Zu jener Zeit waren nur vier Ausländer spielberechtigt.War es wirklich ein weiser Entscheid, eine Lizenz für einen mittelmässigen Torhüter aufzuwenden?
Mittelmässig? In seiner ersten Saison in Zug war er überragend.Da haben die Gegner darüber diskutiert, wie sie ihn jemals bezwingen sollen. Die Jahre danach waren vielleicht etwas werniger stark. So ist das halt, wenn sich die Gegner besser auf die Stärken und Schwächen einstellen können.
Markkanens Nachfolger war der ehemalige NHL-Goalie Brian Boucher, was uns zu einer besonders launigen Episode aus Ihrer Zeit in Zug bringt: Boucher wurde nach einem schwachen Saisonstart durch Eero Kilpelainen ersetzt. Boucher wusste davon aber noch nichts, und weil Sie nach einem Auswärtsspiel in Rapperswil befürchteten, dass die Nachricht dieser Zeitung schon im «Sport Aktuell aufgenommen werden könnte, schalteten Sie im Teamcar diskrert den TV aus .
Was hätte ich machen sollen?
Das war eine unglückliche Situation. Boucher ist danach noch einige Zeit in Zug geblieben, bis das Buy-Out verhandelt war. Da habe ich mal noch ein Bier mit ihm getrunken und wir haben uns versöhnt. Was ich aber schon noch loswerden möchte:
Ich wünschte auch, dass Leonardo Genoni schon zu meiner Zeit in Zug gespielt hätte. Leider war es verdammt nochmal anders.
In den Playoffs haben wir zwei Mal gegen ihn verloren. Für mich ist er ein absolutes Phänomen. Ich habe in all den Jahren viele hervorragende Torhüter erlebt und gesehen. Aber wenn ich ein einziges Spiel gewinnen müsste, sei es das Spiel 7 im Stanley-Cup-Final oder ein Olympia-Endspiel: Ich würde Genoni jedem anderen Goalie auf dieser Welt vorziehen. Seine Aura ist so etwas Spezielles.
Ihre nächste Station nach Zug war Zagreb.
Hören Sie mir damit auf. Die schulden mir immer noch 250'000 Dollar. Und vielen Spielern der damaligen Mannschaft auch. Ich habe versucht, das Geld über den Rechtsweg einzutreiben, aber wahrscheinlich stecken die Anwälte alle unter einer Decke.
Später coachten Sie unter anderem in der Slowakei und Deutschland. Das Eishockey hat Sie die Welt sehen lassen.
Das kann man sagen. Es war mein Ticket raus aus Wallaceburg. Für die Verhältnisse, aus denen ich stamme, war und ist meine Karnere ein Homerun.Wir waren eine ziemlich arme Familie. Ich erinnere mich noch daran, dass der Gehaltsscheck meines Vaters bei 136 kanadischen Dollar lag. Und davon hat er bestimmt 100 für Bier und Zigaretten ausgegeben. Wir mussten nie hungern, aber das Geld war immer knapp. Ich habe mir in den Sommern etwas als Tankwart dazuverdient. Und, war Speaker und Groundkeeper auf dem lokalen Baseballfeld. Dazu übernahm ich jahrelang die Schlittschuhe meiner älteren Brüder. Und stopfte sie mit Zeitung aus, damit sie passen. Das habe ich sogar als Profi noch ge-macht, weil es sich nach so vielen Jahren komisch anfühlte, ohne diese Einlagen zu spielen.
In der Schweiz coachten Sie nach Zug nur noch in Lugano.
Dort erreichten Sie 2016 den Playoff-Final, wurden aber im Januar 2017 entlassen.
Ich verstehe die Entlassung bis heute nicht wirklich. Wir waren Fünfter. Und die halbe Verteidigung fehlte verletzt. Ich glaube, dass wir hätten Meister werden können. Lugano ist ein schwieriges Thema, dieser Klub hat in jenen Jahren so wahnsinnig viel Geld zum Fenster herausgeworfen und war so schlecht gemanagt man glaubt es kaum.
Sieht man Sie noch einmal in der Schweiz?
Wer weiss Vor ein paar Jahren wäre ich fast in Visp gelandet.Und in Sommer habe ich Chris MeSorey kontaktiert als der job in Sierre oftion war, aber er hat es nicht fur nütig befunden, nur au antworten. Ich kann mir auch gut vorstellen, in Bozen zu blei ben, Jeden Tag Sonnenschen, so lässt es sich leben.
LZ