Reto Kläy, zittern Sie um ihren Job als EVZ-Sportchef?
Die Aufarbeitung des Playoff-Debakels ist in vollem Gange. Kritik prasselt auch auf den EVZ-Sportchef nieder. Sie geht nicht spurlos an ihm vorbei. Welche Fehler wurden gemacht? Wie soll das Kader aufgewertet werden? Reto Kläy nimmt erstmals ausführlich Stellung.
«Ein verlorenes Jahr», «Rückschritt» oder «Tiefpunkt»: Was beschreibt die EVZ-Saison am besten?
Reto Kläy: Ein verlorenes Jahr ist es nie, egal wie gering der Output ist. Man lernt immer dazu. Das Wort Rückschritt ist mir zu plakativ. Ich würde keine der drei Bezeichnungen wählen. Aber Tiefpunkt trifft es wohl am ehesten.
Warum ist es kein Rückschritt?
Wir sind früher ausgeschieden als im Vorjahr, und wir gaben in den Playoffs ein Bild ab, das sehr bedenklich war. Natürlich bleibt der letzte Eindruck bei den Leuten am meisten haften. Trotzdem gab es auch positive Aspekte wie den Einbau von jungen Spielern. Ich bin überzeugt davon, dass wieder etwas Grosses entstehen kann, wenn wir die richtigen Lehren ziehen.
Haben Sie dieses krachende Scheitern in den Playoffs auch nur ansatzweise erwartet?
Nein. Wir hatten in der Regular Season trotz vieler Ausfälle die meisten Tore geschossen und verfügten über eines der besten Powerplays. Und plötzlich funktionierte gegen Davos nichts mehr. Sinnbildlich: Während 29 Minuten in Überzahl erzielten wir nur ein Tor. Wir haben nicht annähernd ein Rezept gefunden, um den Gegner zu fordern. Das Team hat gewirkt wie eine Ansammlung von Einzelkämpfern.
Über die Saison hinweg fehlten pro Spieltag durchschnittlich vier Spieler. Das Problem der Absenzen akzentuierte sich mit Fortdauer der Meisterschaft. Weshalb haben Sie keine B-Lizenzen gelöst?
Bei der Deadline am 31. Januar waren wir personell gut gerüstet. Zudem hat man zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen können, wie bald ein Spieler aus der Swiss League zur Verfügung stehen wird. Und ich war überzeugt von unserem Reservoir an jungen Spielern.
Weshalb kein zusätzlicher Ausländer? Es wäre doch ein Zeichen ans Team gewesen, dass Sie alle Hebel in Gang setzen, um für die Mannschaft einzustehen.
Ich habe mir solche Überlegungen gemacht. Bei Transferschluss waren alle sieben Ausländer gesund. Zudem: Hätten wir beispielsweise einen Ausländer von Visp mit einer B-Lizenz geholt, hätte er auch nichts genutzt, weil wir je nach Saisonverlauf von Visp nicht auf ihn hätten zurückgreifen können.
Goalie Tim Wolf musste 22 Spiele in Folge das Tor hüten. Weshalb haben Sie nicht für Entlastung gesorgt?
Ich muss etwas ausholen. Während der Vorbereitung dachte ich mehrmals: Wow, unsere Mannschaft gilt es in dieser Saison zu schlagen. Nach der Verletzung von Leonardo Genoni ist mit dem Team irgendetwas passiert, es war wie ein Bruch. Eine Inkonstanz hat sich eingeschlichen. Auf ein sehr gutes Spiel folgte ein schlechtes und umgekehrt.
Haben Sie den Transfermarkt nach einem Goalie durchforstet?
Ja. Ich dachte, Leos Ausfall würde uns noch mehr zusammenschweissen, aber in dieser Phase bekundeten wir viele Probleme. Wir haben unnötig Punkte verloren. Wir sind teilweise zusammengefallen wie ein Kartenhaus.
Grosse und robuste Spieler sollten das EVZ-Spiel mit physischer Härte anreichern. Doch man hatte während der Saison oft das Gefühl, es wehte ein laues Lüftchen statt dass ein Tornado übers Eis fegte.
Ich erinnere mich ans Testspiel im August gegen Mannheim, das mit uns mit allen legalen und illegalen Mitteln bekämpfte. Wir setzten uns aber hervorragend zur Wehr. Punkto Intensität war das für mich ein Gradmesser. Wenn ich diesen Auftritt mit den Playoffs vergleiche, schien es mir so, als sei es ein anderes Team gewesen.
Nachdem klar war, dass Dario Simion nach Lugano weiterzieht, räumten Sie der Personalie Attilio Biasca höchste Priorität ein. Er galt als potenzieller Franchise-Player. Der Plan ging schief. Eine persönliche Niederlage?
Das empfinde ich nicht so. Ich verspreche einem Spieler nie, dass er in der ersten oder zweiten Linie spielen darf. Ich versuche, anhand eines Plans aufzuzeigen, was wir mit ihm vorhaben. Ich war dann ehrlich gesagt doch ziemlich überrascht, als er sich gegen uns entschieden hat.
Haben Sie alles Erdenkliche getan, um ihn von einem Verbleib zu überzeugen?
Wir hatten viele gute Gespräche. Er konnte es sich gar vorstellen, einen langfristigen Vertrag zu unterschreiben. Ich war zuversichtlich gestimmt. Nun hat er sich für eine Luftveränderung entschieden. Ich nehme ihm das nicht übel. Mehr als ihm seine Perspektiven aufzuzeigen, konnte ich nicht tun.
Mit Talent Ludvig Johnson verliert der Klub einen Ausnahmespieler.
Seine Fähigkeiten sind unbestritten. Ich bedaure seinen Abgang. Wir hatten sozusagen ein Luxusproblem: vier talentierte Verteidiger mit Jahrgang 2005 oder 2006. Logisch hätten wir Ludvig gerne behalten. Ich würde von einem dummen Timing sprechen. Er hat bei Fribourg-Gottéron bereits unterschrieben, als er bei uns noch gar nicht zum Einsatz gekommen ist. Ja, im Nachhinein kann man sagen, man hätte ihn früher ins Kader nehmen sollen. Doch Leon Muggli war damals in der Entwicklung einen Schritt weiter.
Nach dem Playoff-Out haben Sie eine knallharte Aufarbeitung angekündigt. Was ist herausgekommen?
Wir haben in Gesprächen jeden Stein umgedreht, sehr viele Informationen zusammengetragen und eine umfassende Analyse gemacht, die alle Bereiche betrifft. Aus den Ergebnissen werden die nötigen Massnahmen getroffen.
Alle Spielerverträge laufen bis mindestens 2026. Und Sie haben wenig finanziellen Handlungsspielraum.
Wenn man laufende Verträge auflöst, dann ist es meistens auch eine Kostenfrage. Aber die Vertragsdauer von Spielern darf kein Hindernis sein, vor Konsequenzen zurückzuschrecken. Fakt ist, dass wir von vielen Spielern die erwartete Leistung nicht bekommen haben.
Wie viele Spieler müssen den Klub verlassen?
Das kann ich noch nicht sagen. Nach der abgeschlossenen Analyse wird in den kommenden Tagen oder Wochen über das weitere Vorgehen entschieden.
Gabriel Carlsson und Fredrik Olofsson waren zwei Fehlgriffe. Einverstanden?
Sie haben nicht performt, das habe ich ihnen nach der Saison klar gesagt. Auf den Ausländerpositionen war die Leistung generell ungenügend.
Aus bestimmten Gründen haben Sie die genannten Spieler geholt. Waren es Fehleinschätzungen?
Hinterher war es wohl nicht die richtige Entscheidung. Es gibt nicht viele Argumente, um das Gegenteil zu behaupten. Ich habe die Spieler gescoutet und war damals überzeugt, dass sie uns weiterhelfen könnten.
Carlsson gehörte letzte Saison in der schwedischen Liga zu den Top-Ten-Verteidigern. Haben Sie sich von einer einzigen guten Saison täuschen lassen?
Bei den Växjö Lakers hat er auf einem hohen Level performt. Er ist in einem idealen Alter und wir haben uns Stabilität erhofft, aber er hatte über die Saison hinweg zu viele Tiefen. Da gibt es nichts schönzureden. Mir ist aber wichtig zu sagen: Wir haben als Team versagt.
Ambri-Stürmer Dominik Kubalik ist Ihnen angeboten worden. Greifen Sie zu?
Momentan ist noch offen, welche Mutationen es gibt. Es ist schon länger klar, dass wir auf den Ausländer-Positionen mit fünf Stürmern und zwei Verteidigern in die neue Saison gehen möchten. Wir benötigen einen zusätzlichen Flügel.
Kubalik ist ein Teamplayer und garantiert 40 bis 50 Skorerpunkte pro Saison. Wie hoch steht er bei Ihnen im Kurs?
Wir wollen einen Stürmer, der erfahren ist. Wir haben einige Leader, aber es braucht wohl noch ein, zwei Spieler mit Führungsqualitäten.
Dem Vernehmen werben Sie stark um den slowakischen Stürmer Tomas Tatar, der reichlich NHL-Erfahrung vorweisen kann.
Auf einzelne Namen gehe ich nicht näher ein. Es gibt eine Liste mit 20 bis 30 Spielern. Er ist einer davon.
Sie tragen die Hauptverantwortung für den sportlichen Bereich. Wie gross ist Ihr Anteil am schlechten Abschneiden?
Wir gewinnen und verlieren gemeinsam. Letztlich muss ich die meiste Kritik einstecken, das gehört zum Geschäft. Selbstkritik ist wichtig. Ich mache mir täglich ganz viele Gedanken über die Zukunft des EV Zug. Sportchef ist für mich nicht nur ein Job, sondern eine Herzensangelegenheit.
Nach dem Scheitern werden Sie von vielen als Hauptschuldiger ins Visier genommen. Wie gehen Sie mit der Kritik um?
Damit kann und muss ich leben. Unter Einfluss der Emotionen würden manche Fans das halbe Team und die ganze EVZ-Führung in die Wüste schicken. Ich versuche, kühlen Kopf zu bewahren und die Dinge mit der nötigen Sachlichkeit zu bewerten. Ich verstehe, dass die Emotionen hochgehen. Man wird auf Profiniveau am nackten Resultat gemessen. Ich bin schon bald 20 Jahre als Sportchef tätig, also etwas abgehärtet. Trotzdem prallt Kritik nicht einfach an mir ab, wobei ich zwischen sachlicher Kritik und persönlichen Angriffen unterscheide. Wenn mich die Kritik kaltlassen würde, wäre das kein gutes Zeichen. Dann würde das bedeuten, ich hätte keine Passion mehr für meine Arbeit.
Zittern Sie um Ihren Job?
Über meine Zukunft entscheiden andere Personen. Stand heute spüre ich intern den nötigen Rückhalt. Ich bin jetzt seit elf Jahren Sportchef beim EV Zug. Es ist normal, dass man nicht immer die höchste Welle reiten kann. Irgendwann flacht sie ab, und du prallst hart auf dem Wasser auf. Ich möchte festhalten: Wir wollen eine Mannschaft, die polarisiert, die inspiriert, die die Leute mitreisst und letztlich erfolgreich ist. Mein Ehrgeiz ist zu 100 Prozent vorhanden. Manchmal muss man Dreck fressen, um neuen Schwung zu holen.