Es hĂ€tte ein ganz grosser Abend werden können im ersten Viertelfinal-Akt. Der EV Zug hĂ€tte dem HC Davos eine riesige Denkaufgabe mit auf den Weg geben können. Doch der Konjunktiv nĂŒtzt nichts. Der EV Zug muss sich den Vorwurf machen, die Kontrolle ĂŒber das Spiel verloren zu haben. Er erleidet gar einen Einbruch und kann den Zwei-Tore-Vorsprung nicht ĂŒber die Runden bringen. Die Mannschaft hat die Chance verpasst, einen Coup zu landen und somit die Basis fĂŒr eine grosse Ăberraschung in dieser Serie zu legen.
WÀhrend sich der HC Davos gegen Schluss in einen Rausch spielt, weiss der EV Zug nicht mehr, wie ihm geschieht. Es beginnt damit, dass die Zuger nach dem 3:1 durch Fabrice Herzog (52.) in eine VerwaltermentalitÀt verfallen. Nach dem 2:3-Anschlusstreffer (55.) des HCD spielt dieser seine grossen StÀrken aus, die Geschwindigkeit, die Technik, die Beweglichkeit auf kleinem Raum. Er gewinnt plötzlich fast jeden Zweikampf. Und so nimmt aus Zuger Sicht das Drama seinen Lauf.
Wie lange wirkt diese EnttĂ€uschung nach? Wie verarbeitet man einen solchen Tiefschlag? Wie schafft man es, nach vorn und nicht mehr in den RĂŒckspiegel zu schauen? Es ist Samstagmittag, Augenschein in der OYM Hall. Trainer BenoĂźt Groulx sagt, er habe trotzdem gut geschlafen und lobt die «vielen positiven Aktionen», die er notiert habe. «Doch das Spiel dauert eben nun 60 Minuten. Es gibt keinen Zweifel, dass wir uns zumindest in die VerlĂ€ngerung hĂ€tten retten mĂŒssen. Das ist eine bittere Lektion.» Bei der Aufarbeitung des Spiels sei er von seiner Routine nicht abgewichen. Er habe dem Team im Videostudium die guten Dinge wie auch die Fehler vor Augen gefĂŒhrt. Das Rezept sei die Kunst, die NormalitĂ€t zu bewahren. Er mĂŒsse als Trainer die Gelassenheit vorleben, jetzt nicht alles ĂŒber den Haufen werfen.
Und wie sieht die GefĂŒhlslage bei den Spielern aus? Raphael Diaz erklĂ€rt, der Frust am Freitagabend sei gross gewesen. «Das hat wehgetan.» Ist die EnttĂ€uschung aufgrund des Spielverlaufs grösser, als wenn das Verdikt viel klarer ausgefallen wĂ€re? Der Verteidiger sagt: «Man nervt sich vielleicht etwas mehr, aber mit einer Nacht Abstand zĂ€hlt nur noch die Zukunft, das nĂ€chste Spiel.»
Sein Fazit zum Playoff-Auftakt fĂ€llt ambivalent aus: «Wir haben eine sehr gute Leistung gezeigt, das macht das Ergebnis umso bitterer.» Hadern tut Diaz vor allem damit, dass man das Forechecking im dritten Drittel nicht mehr konsequent durchgezogen habe. «Wir haben uns zu stark zurĂŒckgezogen. Davos ist mit viel Tempo durch unsere neutrale Zone gekommen, was sie gnadenlos ausgenutzt haben. DafĂŒr haben sie die entsprechende QualitĂ€t.» Verteidiger Livio Stadler findet, man habe in Stresssituationen zu wenig entschlossen agiert: «Wir waren in entscheidenden Momenten nicht giftig genug. Wir mĂŒssen unabhĂ€ngig des Spielstandes Druck auf den Gegner ausĂŒben, ob mit oder ohne Puck».
Deshalb hat der EVZ auf eine Coaches Challenge verzichtet
Das Startspiel hat auch gezeigt, dass dem EV Zug ein Team gegenĂŒbersteht, das einen Lauf hat, und das sich jeden Tropfen ihres Selbstvertrauens erarbeitet hat. WĂ€hrenddessen die Zuger schon eine Weile ums sportliche Ăberleben kĂ€mpfen und die Selbstsicherheit nie ĂŒber eine lĂ€ngere Phase aufbauen konnten. Trotz gewisser SchwĂ€chephasen gewinnen die Davoser Spiele, die sie aufgrund des Spielverlaufs nicht unbedingt gewinnen mĂŒssten. Davos hat das, was den Zugern fehlt. Was sich auch in der 42-Punkte-Differenz in der Tabelle niederschlĂ€gt.
Im Nachgang der irren HCD-Wende wird vor allem eine Szene rege diskutiert â das 2:3-Anschlusstor von Michael Fora. Kurz davor kollidieren Goalie Leonardo Genoni und HCD-StĂŒrmer Rasmus Asplund im Torraum. Ein klarer Fall von TorhĂŒterbehinderung? Ja, ist MySports-Schiedsrichter-Experte Matthias Kehrli ĂŒberzeugt: «WĂ€re da eine Coaches Challenge genommen worden, wĂ€re diese erfolgreich gewesen.» Weniger klar ist die Szene fĂŒr den EV Zug und seinen Goalietrainer, der entscheiden muss, ob eine Regelwidrigkeit vorliegen könnte. Der EVZ verzichtet schliesslich auf die Coaches Challenge, weil sie mit einem zu grossen Risiko verbunden wĂ€re. In der Zeitlupe ist zu erkennen, dass der Kontakt mit dem Spieler, der zum Stockverlust von Genoni fĂŒhrt, ausserhalb des Torraums stattfindet. Der EVZ-Trainer erklĂ€rt am Tag danach: «FĂŒr uns war das keine eindeutige TorhĂŒterbehinderung, deshalb haben wir keinen Einspruch eingelegt.» Bereut hat er den Verzicht zu keinem Zeitpunkt.
Nun, der EV Zug tut gut daran, die EnttĂ€uschung ĂŒber den missglĂŒckten Start in positive Energie umzuwandeln. Denn die Playoffs werden auch ĂŒber die Psychologie entschieden. Was den EVZ-Protagonisten Zuversicht schenkt: Der HC Davos ist verwundbar, wenn Druck ausgeĂŒbt wird. Diaz sagt: «Jetzt mĂŒssen wir noch eine Schippe drauflegen und ihnen das Leben so schwer wie möglich machen.» Derweil hofft Groulx auch auf den Faktor Publikum. «Es liegt primĂ€r an uns, den Funken zu zĂŒnden und ihn auf die Fans zu ĂŒbertragen.»
Ob es auf den AuslĂ€nder-Positionen zu einer Rochade kommt, lĂ€sst der Trainer offen. «Das entscheide ich am Matchtag.» Kein leichter Entscheid: RĂŒckkehrer Andreas Wingerli sorgt bei seinem Comeback fĂŒr frischen Wind, auch wenn er beim Game-Winning-Goal des HCD einen Schritt zu spĂ€t kommt. Der Schwede ĂŒberzeugt mit einer Bully-Quote von 70 Prozent. Dagegen enttĂ€uscht Topskorer Dominik Kubalik mit nur einem Abschluss. Auch Jan Kovar (nur 5 von 15 gewonnene Bullys) macht keine Werbung in eigener Sache. Und Tomas Tatar schleicht am Ende mit einer Minus-3-Bilanz vom Eis.
Beim EV Zug heisst es jetzt: Nicht nachdenken, siegen. Ob er am Sonntag im zweiten Spiel nach diesem Grundsatz zurĂŒckschlagen kann? Fortsetzung folgt.