«Ich bereue meine Zeit in Russland nicht»
Der neue EVZ-Trainer Benoît Groulx hat in seiner Karriere viel erlebt. Wer ist der Frankokanadier? Eine Antwort in fünf Kapiteln.
Benoît Groulx, 58, führt nun beim EVZ Regie und soll die chaotische Saison retten. Im ausführlichen Gespräch redet der Frankokanadier munter drauflos und streut den einen oder anderen Scherz ein. Gleichzeitig wirkt er reflektiert und entschlossen, den EVZ auf Erfolg zu trimmen vielleicht sogar über den Sommer hinaus!
Das mässige Talentis als Spieler
Aufgewachsen in Hull (Quebec) als jüngstes von drei Geschwistern, war er 4-jährig, als er mit Eishockey in Berührung kam.Als er das WM-Spiel zwischen der Sowjetunion und Kanada am TV verfolgte, stellte er die Spielzüge mit Stift und Murmeln nach. Die Faszination für den Sport war sofort da.Sein Vater Gilles war eine prominente Persönlichkeit im Quebecer Hockey und higurierte als Jugendtrainer und Scout. Benoît wurde stark von ihm beeinflusst. Er tauschte sich unzählige Stunden mit seinem Vater über das Coaching aus. «Bereits als Junior reifte in mir der Wunsch, eine Trainerkarriere zu machen statt NHL-Star zu werden. Aber meine Mutter wollte das nicht», erzählt Groulx. «Sic sagte immer, ich würde nicht genügend an mich glauben.» Und er selbst? «Ich fand, ich schätzte meine Lage ziemlich realistisch ein.» Die Wahrheit liege wohl irgendwo in der Mitte, Groulx:«Ich bin glücklich, wie es gekommen ist.»Dem früheren Mittelstürmer wurde keine prächtige Karriere prophezeit. Groulx schmunzelt: «Ich hatte einen sehr guten Hockey-IQ, eine gute Puck-Behandlung, war aber nicht der beste Skater. Eine schlechte Version von Jan Kovar.» Nachdem er den Cut im Camp der New York Rangers nicht geschafft hatte, verschlug es ihn nach Europa. Nach einer Saison in Belgien spielte er zehn Jahre in der höchsten und zweithöchsten französischen Liga.
Sein anfänglicher Jahreslohn?
Rund 25'000 Franken. «Es war toll dort, aber nicht auf dem Eis.
Es wurde fürchterliches Hockey gespielt», erzählt Groulx und grinst.
Talentförderer und Goldschmied
Mit 32 Jahren bekam er den Job als Assistenztrainer bei den Cataractes de Shawinigan, einem kanadischen Juniorenteam. Von da an war klar: Das Coaching ist seine Berufung. Sein grösster Erfolg war die Goldmedaille an den Uzo-Weltmeisterschaften 2014 mit Kanada. Im Kader standen heutige NHL-Stars wie Connor McDavid, Sam Reinhart oder Curtis Lazar.
Der Arbeitsstil: Nicht diktatorisch- miteinander
Den Zampano in der Garderobe spielen? Kommt nicht in Frage!Seine Herangehensweise: «Ich möchte den Spielern Tipps geben, wie sie ein Spiel gewinnen können, Dafür müssen sie dir vertrauen. Erzählen kann man viel. Aber man muss die Worte richtig vermitteln.» Herumschreien sei kein Erfolgsrezept.«Ich verstelle mich nie. Das würde meine Glaubwürdigkeit untergraben.» Hockey habe viel mit Psychologie und Emotionen zu tun. «Die Spielweise eines Teams spiegelt den Coach.» Wichtig sei ihm ein offener Austausch. «Ich bin kein Diktator.Rückmeldungen aus dem Spielerkreis sind wichtig.»
Die Moral-Frage beim Russland-Abenteuer
2024 fragte ein NHL-Scout, ob Groulx an einem Engagement in der russischen KHL interessiert sei. Er zögerte und unterhielt sich mit zwölf Personen, die in Russland beschäftigt waren. Nur eine habe ihm davon abgeraten. Transfers nach Russland während des Angriffskriegs auf die Ukraine lösen vielerorts heftige Reaktionen aus.Doch Groulx unterschrieb bei Traktor Tscheljabinsk und schaffte es bis ins Endspiel. Er sagt: «Ich verstehe die Leute, die mich dafür kritisieren. Ich kann die Kritik absolut nachvollziehen.Doch ich wollte diese einmalige Chance packen.
Ich bereue es nicht.» Groulx spricht von einer«Fünf-Sterne-Behandlung», die er dort erhielt.Ihm zur Seite standen sechs Coaches und auch ein Persönlicher Chauffeur. Da nur 30 Prozent der Spieler Englisch sprachen, folgte ihm ein Dolmetscher auf Schritt und Tritt. In Tscheljabinsk galt er als Rockstar. «Ich konnte kaum in einem Restaurant essen, ohne dass mich die Fans nach Autogrammen und Selfies fragten. Das war total verrückt.» Doch die grosse Distanz zur Familie und die vielen Reisen während der Saison nagten an ihm. Er zog die Notbremse und erholte sich an seinem Wohnort in New York, um Kraft zu tanken - bis ihn im Januar die EVZ-Anfrage erreichte.
Der ungewisse Blick in die Zukunft
Etwas fehlt in seinem Lebenslauf: Headcoach in der NHL.«Wer weiss, was noch kommt», meint Groulx. Sein Leben hat schon viele unverhofite Wendungen genommen. Sein Vertrag in Zug läuft Ende Saison aus. Was dann? «Wenn sie mich mögen und ich mich wohlfühle, kann es eine
gemeinsame Zukunft geben. Aber wir müssen uns noch besser
kennenlernenen.»Ob er mit 60, 65 oder 70 Jahren noch an der Bande stehen wird, will er offen lassen. Das Trainerbusiness erfülle ihn auch noch nach bald drei Jahrzehnten, «jeden Tag», wie er betont.
LZ